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U-Ausschuss Corona: zweite Panel-Anhörung zum Sozialbereich

Mitglieder des Untersuchungsausschusses hören Expertinnen und Experten aus dem Sozialbereich aus Südtirol an. Stellungnahmen zu breiter Themenpalette – von sozialen Medien bis zu sozialer Ungleichheit.

Der Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen der Jahre 2020–2023 und Feststellung der Verantwortlichkeiten des Südtiroler Landtages ist am heutigen Mittwochnachmittag (13. Mai 2026) unter dem Vorsitz von Brigitte Foppa zusammengetreten, um eine weitere Panel-Anhörung mit Expertinnen und Experten im Sozialbereich durchzuführen. Dabei berichteten Johanna Marsoner, Verantwortliche des Sozialzentrums Kurtatsch, Wolfgang Obwexer, ehemaliger Geschäftsführer der Lebenshilfe Südtirol, Hannes Kofler, Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Sozialberufe LVS und Pflegedienstleiter im Seniorenheim Vinzenzhaus, Isabella Cramarossa, Technische Leiterin des Hauspflegediensts des Sozialsprengels Leifers–Branzoll–Pfatten, Maria Oberprantacher, ehemalige Pflegedienstleiterin der Stiftung St. Elisabeth, sowie Francesca Schir, Präsidentin des Rates der Psychologenkammer Bozen, von ihren Erfahrungen. 

„Nach der letzten Anhörung, bei der wir die Verantwortlichen in der Verwaltung  im Sozialbereich hier hatten, haben wir uns heute mit einigen Verantwortlichen von Strukturen des Sozialen getroffen und haben sozusagen hinter Türen geblickt, die in der Pandemie sehr oft verschlossen waren“, so Vorsitzende Foppa. „Türen in Seniorenheimen, Türen von Strukturen für Menschen mit Behinderungen, Haustüren, wo Hauspflege stattgefunden hat, und auch Türen zu vielen Kinder- und Jugendzimmern, hinter denen Kinder und Jugendliche oft lange Zeit vor digitalen Medien gesessen sind.“ Diese Berichte aus der Praxis – insbesondere aus der Praxis mit vulnerablen Gruppen – seien sehr aufschlussreich gewesen. „Deshalb kreisten die Gespräche dann häufig darum, wie mit vulnerablen Gruppen in so einer Ausnahmesituation umgegangen wurde“, so Foppa.

Eines der Themen, das diesbezüglich hervorgehoben worden sei, seien die sozialen Medien gewesen. Die Präsidentin der Psychologenkammer etwa habe davon gesprochen, wie stark sich Trends, die hinsichtlich der Psychologie von Kindern und Jugendlichen bereits vor der Pandemie im Zunehmen waren, durch die Pandemie verstärkt und verschärft hätten. „Und wie psychische Problematiken wie Depressionen, Essstörungen, Einsamkeitsstörungen, Angststörungen pandemiebedingt einen starken Schub erhalten haben”, berichtete Foppa. „Eine Annahme ist, dass das mit der Isolation während dieser Zeit zusammenhängt, aber auch mit der starken bzw. überstarken Nutzung der sozialen Medien, die gerade für Kinder und Jugendliche den einzigen Kontakt zur Außenwelt darstellten.”

Es sei auch erzählt worden, zum Beispiel von der Direktorin des Sozialzentrums, wie schwer es sei, Menschen, die das kognitiv nicht erfassen können, etwas wie eine Pandemie verständlich zu machen, und was das für Probleme mit sich bringe, ebenso wie was es bedeutet habe, als diese Strukturen geschlossen werden mussten - dass man entweder in die Tagesstätten nicht mehr hineinkam oder aus einer Wohneinheit nicht mehr herauskam. Gesprochen worden sei auch davon, wie die Kontakte mit den Familien erschwert gewesen seien.

Die Seniorenwohnheime seien zwar bereits öfter im Blickpunkt des Untersuchungsausschusses gewesen, „doch auch hier wurde uns noch einmal berichtet, wie schwer diese Zeit und auch das Sterben in dieser Zeit für Pflegende, pflegende Angehörige und natürlich für die Betroffenen selbst war”, so Foppa. „Es wurde uns auch gesagt, dass man versucht hat, die Strenge der Maßnahmen möglichst auszugleichen. Nicht alles war möglich. Einige Dinge sind bis heute nicht nur nicht aufgearbeitet, sondern – wie uns vielfach auch gesagt wurde – auch nicht nachvollziehbar.”

Ein weiteres Thema sei jenes der Solidarität gewesen. „Gerade in der ersten Phase der Pandemie gab es doch einen starken sozialen Zusammenhalt. Man sah sich in einer Ausnahmesituation, das hat uns zum Beispiel auch Herr Obwexer gesagt. Die Akzeptanz der Regeln war sehr hoch, etwa auch bei Patientenorganisationen”, führte Foppa aus.  Dann aber sei zunehmend der Wunsch nach Lockerungen auch in den stationären Einrichtungen gekommen, um verständlicherweise Druck von den Familien zu nehmen. „In dieser Phase wurde es dann zunehmend schwieriger.”

Auch heute sei wieder auf die soziale Ungleichheit hingewiesen worden, die während der Pandemie enorm verstärkt worden sei, zum Beispiel die Größe der Wohnung, einen Garten zu haben, die finanzielle Lage usw. Aufmerksam gemacht worden sei in diesem Zusammenhang auch auf den Fernunterricht, wo die Verfügbarkeit von Lernmitteln und digitalen Medien einen deutlichen Unterschied machten.

„Auch diesmal haben wir uns wieder die Fragen gestellt, was man hätte anders machen können und was können wir lernen”, so Foppa. „In Weiterentwicklung von Erkenntnissen, die wir schon aus anderen Anhörungen hatten, kann man sagen, dass das Soziale und das Psychologische in den politischen Entscheidungen viel zu wenig Beachtung gefunden haben. Das müsste ein anderes Mal unbedingt anders gemacht werden.” Auch Psychologinnen und Psychologen müssten viel mehr in Entscheidungen eingebunden werden, die so weitreichende Folgen für die Menschen hätten. In einem weiteren Fall müsse man auf jeden Fall auch dafür sorgen, „dass eine offene und transparente Diskussion auf gesellschaftlicher Ebene immer möglich sein muss. Auch in schwierigen Zeiten müssen Meinungen zugelassen und in die Entscheidungsfindung miteingebaut werden”, unterstrich Foppa abschließend.

Bei der nächsten Sitzung des Untersuchungsausschusses am Dienstag, 4. Juni 2026, findet die erste Anhörung zum Bereich Politik/Sicherheitskräfte statt.

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