Mobbing

Mobbing

Das Phänomen Mobbing und Gewalt am Arbeitsplatz existiert, seit es Arbeitsplätze gibt. Das Thema hat jedoch in den letzten Jahren an Wichtigkeit und Brisanz zugenommen, wie aus einem Bericht des Ispesl (Höheres Institut für Prävention und Sicherheit am Arbeitsplatz des Gesundheitsministeriums) hervorgeht. Allein in Italien sind laut diesem Bericht 1,5 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Opfer von Mobbing. Aus der Studie geht weiters hervor, dass es vor allem Frauen betrifft und gehäuft in der öffentlichen Verwaltung Fälle angezeigt werden.

Bei einer realistischen Betrachtung des Phänomens im Hinblick auf die zu treffenden Maßnahmen müssen nicht nur die Folgen für die einzelnen Personen berücksichtigt werden, sondern auch die negativen wirtschaftlichen Konsequenzen. Mobbing ist kein „Kavaliersdelikt“ – es hat konkrete negative Folgen für den oder die Betroffenen und das Unternehmen. Nach der oben genannten Studie des Ispesl sinkt die Produktivität einer Person, die Opfer von Mobbing wird, um 70%. In den meisten Fällen kommt es zu Arbeitsausfällen, die Folgekosten für das Unternehmen können hoch sein.

Abgesehen von den Kosten, die der Arbeitgeberseite entstehen (welche wiederum der Kundschaft angerechnet werden), trägt somit die Gesellschaft die Kosten von Mobbing und Gewalt am Arbeitsplatz, und zwar in Form von Kosten für medizinische und psychologische Behandlungen, Krankenstände und Sozialleistungen.

Der Begriff Mobbing leitet sich vom englischen Wort „mob“ ab und lässt sich am besten mit Gesindel, Pack und Pöbel übersetzen. Jemanden „mobben“ bedeutet jemanden bedrängen, angreifen, anpöbeln oder über jemanden herfallen. Daraus wird schon klar, dass es nicht um kleinere Streitigkeiten geht, sondern um Handlungen, die einen wesentlichen, negativen Einfluss auf die psychische, biologische und soziale Gesundheit der oder des Betroffenen haben.

Unter Mobbing sind alle Verhaltensweisen gemeint:

  • die durch eine systematisch aufgebaute, andauernde und sich stetig weiterentwickelnde Konfliktsituation gekennzeichnet sind;
  • durch die eine oder mehrere Personen Opfer von Verfolgungsaktionen seitens eines oder mehrerer Mobber werden, die eine übergeordnete, untergeordnete oder gleichwertige Position haben;
  • deren Ziel darin besteht, dem Opfer Schäden verschiedener Art und unterschiedlichen Schweregrades zuzufügen;
  • bei denen das Mobbing-Opfer keine Möglichkeit oder große Schwierigkeiten hat, auf die Mobbinghandlung zu reagieren, mit negativen Folgen auf seine psychophysische Gesundheit, Ausgeglichenheit, sozialen Beziehungen, seinen persönlichen Ruf und seine Professionalität.

Eine Mobbingsituation ist durch folgende Umstände gekennzeichnet:

  1. Die Konfliktsituation spielt sich im Arbeitsumfeld ab;
  2. feindselige Handlungen werden in Gang gesetzt, wie Störungen der zwischenmenschlichen Beziehungen, systematische Ausgrenzung, nicht nachvollziehbare Änderungen der zugeteilten Aufgaben, Diskreditierung, Gewalt oder Androhung von Gewalt;
  3. die feindseligen Handlungen erfolgen mehrmals im Monat;
  4. die feindseligen Handlungen dauern seit mindestens sechs Monaten an;
  5. die Konfliktsituation verschärft sich schrittweise;
  6. es herrscht ein Ungleichgewicht zwischen den an der Konfliktsituation beteiligten Personen;
  7. es besteht eine Verfolgungsabsicht.

Mobbinghandlungen können beispielsweise folgende sein:

  • Einschränkung der Meinungsäußerung (Beispiel: Eine Vorgesetzte schränkt die Meinungsäußerung einer Mitarbeiterin ein, indem sie diese ständig unterbricht, anschreit, ihr mündlich oder schriftlich droht, ihr Privatleben kritisiert, den Blickkontakt mit ihr meidet oder sie durch abwertende Gesten verunsichert;
  • Beeinträchtigung der zwischenmenschlichen Beziehungen (Beispiel: Jemandem wird ein Arbeitsplatz zugewiesen, der weit von den Arbeitsplätzen der Kolleginnen und Kollegen entfernt ist, den Kolleginnen und Kollegen wird verboten, mit der betreffenden Person zu sprechen, oder letztere wird generell von der Kommunikation ausgeschlossen);
  • Schädigung des guten Rufes der Betroffenen (Beispiel: Es werden falsche Informationen oder Vermutungen über die geistige Gesundheit des Opfers verbreitet, abwertende, spöttische Äußerungen fallen gelassen, jemand wird wegen einer Behinderung ausgelacht oder aufgrund seiner politischen oder religiösen Überzeugungen beleidigt, jemand wird Opfer von sexuellen Avancen in Form von Worten, Handlungen oder Beleidigungen mit obszönen, herabwürdigenden Ausdrücken);
  • Beeinträchtigung des Berufs- und Privatlebens (Beispiel: Dem Mobbingopfer wird keine Arbeit zugewiesen oder ihm werden unnötige, zu viele oder auch unangemessene oder entwürdigende Arbeitsaufträge zugewiesen);
  • Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes (Beispiel: Das Mobbingopfer muss gesundheitsschädliche Aufgaben übernehmen, ihm wird körperliche Gewalt angedroht oder zugefügt).

Der Begriff Mobbing umfasst auch das Straining. Beim Straining wird vorsätzlich eine Belastungs- bzw. Stresssituation am Arbeitsplatz herbeigeführt, die dauerhafte negative Folgen für das Arbeitsumfeld hat; dabei kann es sich auch um eine einmalige Degradierung handeln, die sich permanent auf das Opfer auswirkt.

Mobbing kommt häufig in Bereichen vor, wo Frauen in „typische“ Männerberufe eindringen. Die Merkmale von Mobbing sind:

  1. Mehr Frauen als Männer sind von Mobbing betroffen. Die Form der Betroffenheit ist je nach Geschlecht eine andere. Bei Frauen zielen die Mobbinghandlungen häufig auf das Geschlecht, die Sexualität oder das Erscheinungsbild ab. Bei Männern steht oftmals die Leistung im Vordergrund.
  2. Systematik und Dauer sind beim Mobbing fortlaufend, beim Straining kann es sich auch um eine einmalige Handlung handeln.
  3. Es gibt kein „typisches“ Mobbingopfer.
  4. Mobbing kommt auf allen Hierarchieebenen vor.
1. Vertikales Mobbing
Unter vertikalem Mobbing versteht man Belästigungen und Schikanen die von einem Arbeitgeber oder Vorgesetzten ausgehen und auf eine Arbeitnehmerin oder einen Arbeitnehmer ausgeübt werden.
2. Horizontales Mobbing
Im Falle von horizontalem Mobbing hingegen übt eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter Belästigungen und Schikanen auf eine/n Kollegin oder Kollegen gleichen Ranges aus.
3. Down–Up Mobbing (Staffing)
Von Down-Up Mobbing spricht man, wenn mehrere Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer gemeinsam Belästigungen und Schikanen auf den Arbeitgeber oder Vorgesetzten ausüben.
4. Strategisches Mobbing
Von strategischem Mobbing wird immer dann gesprochen, wenn diskriminierende Handlungen eingesetzt werden, um strategische Ziele des Unternehmens zu erreichen.

Haben Sie das Gefühl, Opfer von Mobbinghandlungen zu sein, Folgendes ist wichtig:

  • Holen Sie sich möglichst früh eine Mobbingberatung oder wenden sich an Ihre Gewerkschaftsvertretung. Mobbing wird oftmals spät erkannt!
  • Die Führung eines „Mobbing-Tagebuches“ kann hilfreich sein. Mobbing muss mit Daten und Fakten untermauert sein!
  • Suchen Sie sich im Betrieb „Verbündete“, die Sie im Alltag unterstützen und dem Mobber zeigen, dass Sie unterstützt werden.
  • Vertrauen Sie sich Ihren Vorgesetzten an (sofern die Mobbinghandlungen natürlich nicht von Ihnen ausgehen!).
  • Nehmen Sie gegebenenfalls psychologische Hilfe in Anspruch! Mobbing ist Gewalt und kann Folgen für die Betroffenen haben!

In Italien wurde bisher noch kein Mobbing-Schutzgesetz erlassen. Es gibt aber einige zivilrechtliche und strafrechtliche Bestimmungen, die einen rechtlichen Schutz vor Mobbing bieten und es auch ermöglichen, gerichtlich dagegen vorzugehen.

Zivilrechtliche Bestimmungen

Die betroffene Person kann in erster Linie den in Artikel 2087 des italienischen Zivilgesetzbuches festgelegten Anspruch geltend machen.
Diese Bestimmung verpflichtet die Arbeitgeber nämlich dazu, die körperliche Unversehrtheit und die geistige Persönlichkeit der Arbeitnehmerin oder des Arbeitnehmers zu schützen.
Es handelt sich hierbei um eine vertragsrechtliche Pflicht.
Werden gegenüber dem Arbeitgeber Handlungen nachgewiesen, die als Mobbing eingestuft werden können, so verstößt er gegen diese vertragsrechtliche Pflicht und haftet zivilrechtlich dafür.
Im Falle von Mobbing kann den Arbeitgebern auch eine Verletzung der im Artikel 2043 des italienischen Zivilgesetzbuches festgelegten außervertraglichen Pflicht, einem anderen durch vorsätzliche oder fahrlässige Handlung keinen rechtswidrigen Schaden zuzufügen, nachgewiesen werden.

Strafrechtliche Bestimmungen

In der italienischen Gesetzgebung ist Mobbing keine Straftat. In manchen Fällen aber stellen die Handlungen durch die sich das Mobbing äußert eine Straftat dar und können in diesem Zusammenhang auch als solche geahndet werden. Zu diesen Straftaten gehören:

  1. Amtsmissbrauch (Artikel 323 Italienisches Strafgesetzbuch):
    Wenn es zu Belästigungen und Schikanen in der Ausübung eines öffentlichen Amtes kommt.
  2. Körperverletzung (Artikel 582 und 583 Italienisches Strafgesetzbuch):
    In schwerwiegenden Fällen, wenn die Belästigungen und Schikanen ausarten
    und zu Körperverletzungen führen.
  3. Beleidigung (Artikel 594 Italienisches Strafgesetzbuch):
    Wenn sich das Mobbing durch Beleidigungen und Schikanen äußert, die rechtlich relevant sind.
  4. Sexueller Missbrauch (Artikel 609 bis Italienisches Strafgesetzbuch):
    Wenn die Belästigungen und Schikanen in sexuellen Missbrauch übergehen.
  5. Stalking (Artikel 612 bis Italienisches Strafgesetzbuch) am Arbeitsplatz:
    Das Stalking ist in Verbindung mit Mobbing dann relevant, wenn es als eine Fortführung einer Handlung angesehen werden kann, die als Mobbing am Arbeitsplatz beginnt, außerhalb der Arbeit fortgesetzt wird und sich auf die Privatsphäre der betroffenen Person auswirkt.

Vor Gericht ist es oft schwierig Mobbing nachzuweisen.
Die betroffene Person ist nämlich nicht immer imstande, die erforderlichen Beweise (z.B. ärztliche Bescheinigungen) zu liefern, bedient sich nicht aussagekräftiger Zeugen oder hat Schwierigkeiten das konkrete Ausmaß des erlittenen Schadens zu beweisen.

Welche Schäden muss man nachweisen um einen Schadensersatzanspruch vor Gericht geltend zu machen?

Um vor Gericht einen Schadensersatzanspruch geltend machen zu können, muss die betroffene Person nachweisen, dass ihr aufgrund des Mobbings einer oder mehrere der folgenden Schäden widerfahren sind:

  1. Biologischer Schaden:
    Hierbei handelt es sich um eine Verletzung der körperlichen oder seelischen Unversehrtheit, welche durch eine rechtsmedizinische Bewertung festgestellt wird.
  2. Seelischer Schaden:
    Man spricht von seelischem Schaden, wenn die betroffene Person aufgrund der erlittenen Belästigungen und Schikanen emotional und innerlich aufgewühlt ist.
  3. Existenzieller Schaden:
    In diesem Falle sieht sich die betroffene Person in ihrer freien Persönlichkeitsentfaltung und -verwirklichung geschädigt und erfährt eine Veränderung ihrer vorherigen Lebensgewohnheiten mit einer dauerhaften Minderung der Lebensqualität.

Diese Schäden sind immateriell. Ihr Ausmaß wird daher vom Richter oder von der Richterin festgesetzt.
Die betroffene Person hat auch die Möglichkeit vor Gericht nachzuweisen, einen materiellen Schaden erlitten zu haben.

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